Julia von Schledorn
Julia von Schledorn ist Senior Consultant Business Development bei dgtl.company und begleitet Organisationen bei digitaler Transformation, Innovations- und Veränderungsvorhaben. Sie verbindet strategisches Denken mit langjähriger Projekterfahrung, strukturiert komplexe Themen und bringt unterschiedliche Stakeholder zusammen. Zuvor verantwortete sie bei der Sana Kliniken AG das konzernweite Innovations- und Ideenmanagement sowie das Innovationsnetzwerk. Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen in der Entwicklung zukunftsfähiger Prozesse und der Identifikation sowie erfolgreichen Umsetzung von Innovationen im Unternehmensalltag.
Vielleicht möchtest du Algorithmen, um Muster zu erkennen und eigenständig aus Erfahrungen bessere Lösungen zu finden." target="_blank">Künstliche Intelligenz (KI) in deinem Unternehmen einsetzen. Doch zwischen allgemeinem Interesse und einer Lösung, die dir im Arbeitsalltag tatsächlich Mehrwert schafft, liegt eine zentrale strategische Aufgabe: die Auswahl der richtigen Anwendungsfälle. D.h. die Auswahl einer Situation, eines Prozesses oder eingespielter Abläufe aus deinem Arbeitsalltag, in denen du etwas verbessern möchtest, und die Frage, wie eine KI-Lösung dabei helfen könnte.
Ein Beispiel aus einem KI‑Workshop:
Dein Team erstellt jede Woche Angebote, indem es Textbausteine aus alten Dokumenten zusammenkopiert. Der Anwendungsfall, der das konkrete Problem deines Teams aufgreift, könnte lauten: „Optimierung des Angebotsprozesses durch einen KI-Assistenten, der das fehleranfällige und zeitaufwendige Zusammenkopieren alter Textbausteine durch eine automatisierte Generierung passgenauer Angebote ersetzt.“
Aber nicht jede Idee ist automatisch ein guter Anwendungsfall. Manche Vorhaben versprechen zwar einen hohen Innovationsgrad, scheitern aber an fehlenden Daten oder zu hohem Aufwand. Andere wirken auf den ersten Blick unspektakulär, können im Alltag aber spürbar entlasten oder die Qualität deiner Prozesse verbessern.
Ob dafür schlussendlich KI nötig ist oder eine einfachere Lösung reicht, zeigt sich erst im nächsten Schritt.
In diesem Beitrag zeige ich dir ein erprobtes Vorgehen für den Mittelstand, das dich bei der Auswahl geeigneter Anwendungsfälle unterstützt. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht einzelne Tools oder konkrete Workshopformate, sondern eine übertragbare Frage: Wie erkennst du, welche KI-Anwendungen für dich relevant und umsetzbar sind?
Nicht mit der Technologie starten, sondern mit deiner Herausforderung
Wenn über Künstliche Intelligenz gesprochen wird, geht es häufig schnell um konkrete Tools, Modelle oder Plattformen. Der sinnvollere Ausgangspunkt ist jedoch dein eigenes Geschäft: Wo entstehen manuelle Aufwände? Welche Prozesse sind fehleranfällig oder schwer skalierbar? Wo fehlen dir Informationen für schnelle und fundierte Entscheidungen?
Erst wenn deine Herausforderung klar beschrieben ist, lässt sich beurteilen, ob Künstliche Intelligenz die passende Antwort ist. In manchen Fällen reichen eine klassische Automatisierung, eine bessere Systemintegration oder eine Anpassung deines Prozesses aus. Künstliche Intelligenz sollte kein Selbstzweck sein, sondern dort eingesetzt werden, wo sie einen nachvollziehbaren Beitrag zu Effizienz, Qualität, Entscheidungsfähigkeit oder Entlastung leistet.
Diese problemorientierte Perspektive verhindert, dass du vorschnell Lösungen einkaufst, die an den tatsächlichen Bedürfnissen deiner Organisation vorbeigehen.
Woran du einen relevanten Anwendungsfall erkennst
Ein relevanter Anwendungsfall verbindet einen konkreten geschäftlichen Bedarf mit einem realistischen Umsetzungspfad. Dafür solltest du mehrere Perspektiven zusammen betrachten:
- Geschäftlicher Nutzen: Welches Problem wird gelöst und wie groß ist der erwartete Mehrwert?
- Prozessbezug: An welcher Stelle im Arbeitsablauf entsteht die Verbesserung?
- Datenbasis: Sind die erforderlichen Daten vorhanden, zugänglich und in ausreichender Qualität verfügbar?
- Umsetzbarkeit: Welche technischen, organisatorischen und personellen Voraussetzungen müssen geschaffen werden?
- Akzeptanz und Verantwortung: Wer arbeitet mit der Lösung, wer trägt die Verantwortung und wie verändert sich der Arbeitsalltag?
Ein Anwendungsfall ist daher nicht schon dann relevant, wenn sich eine KI-Anwendung technisch realisieren lässt. Entscheidend ist, ob er ein wichtiges Problem löst, sich in deine Prozesse integrieren lässt und von den betroffenen Menschen sinnvoll genutzt werden kann.
So gehst du grundsätzlich vor
Du kannst die Auswahl geeigneter KI-Anwendungsfälle als strategischen Entscheidungsprozess verstehen. Im Kern geht es um vier miteinander verbundene Perspektiven.
1. Orientierung: Ziele und Herausforderungen klären
Zu Beginn steht die Frage, welche strategischen und operativen Ziele du mit deinem Unternehmen verfolgst. Geht es um die Entlastung von Mitarbeitenden, eine stabilere Produktion, bessere Qualität, schnellere Abläufe oder fundiertere Entscheidungen?
Ein gemeinsames Grundverständnis von den Möglichkeiten und Grenzen Künstlicher Intelligenz hilft dabei, realistische Erwartungen zu entwickeln. Gleichzeitig wird sichtbar, welche Herausforderungen möglicherweise mit klassischer Digitalisierung oder Automatisierung besser gelöst werden können.
2. Identifikation: Potenziale aus den Fachbereichen betrachten
Die relevanten Hinweise auf sinnvolle Anwendungsfälle liegen häufig in den Fachbereichen selbst. Mitarbeitende kennen wiederkehrende Tätigkeiten, Medienbrüche, manuelle Prüfungen und typische Fehlerquellen aus dem täglichen Prozess.
Die Perspektive der Fachbereiche sollte mit der Sicht von Management, IT und Organisation verbunden werden. So entsteht ein ausgewogener Blick: Die Fachbereiche beschreiben den tatsächlichen Bedarf, während technische und organisatorische Perspektiven die Realisierbarkeit einordnen.
3. Priorisierung: Nutzen und Machbarkeit abwägen
Die gesammelten Anwendungsfälle müssen anschließend vergleichbar gemacht werden. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht möglichst viele Ideen, sondern die Vorhaben mit dem besten Verhältnis aus erwarteter Wirkung und realistischer Umsetzbarkeit.
Eine Priorisierung berücksichtigt typischerweise Nutzen, Datenbasis, Aufwand, Risiken und Anschlussfähigkeit an bestehende Systeme und Prozesse. Je nach deiner Unternehmenssituation können auch regulatorische Anforderungen, Akzeptanz oder die Möglichkeit zur späteren Übertragung auf andere Bereiche relevant sein.
4. Umsetzungsperspektive: Den nächsten sinnvollen Schritt bestimmen
Aus der Priorisierung sollte eine klare Umsetzungsperspektive entstehen. Nicht jeder Anwendungsfall muss sofort vollständig umgesetzt werden. Häufig ist es sinnvoller, zunächst eine zentrale Annahme zu überprüfen und Erfahrungen in einem begrenzten Vorhaben zu sammeln.
Entscheidend ist, dass aus der Bewertung nicht nur eine Rangliste, sondern eine nachvollziehbare Entscheidung entsteht: Welcher Anwendungsfall wird weiterverfolgt, welche Voraussetzungen fehlen noch und woran lässt sich der erwartete Nutzen später erkennen?
Der gesamtwirtschaftliche Nutzen entsteht erst, wenn du geeignete Ansätze erprobst, erfolgreiche Lösungen ausrollst und Künstliche Intelligenz dauerhaft in deiner Strategie und deinem Arbeitsalltag verankerst.
Aus der Praxis
In einem KI-Innovationsworkshop mit einem unserer Kunden ging es darum, relevante Anwendungsfälle zu identifizieren, ihren Nutzen zu bewerten und daraus resultierende prioritäre Themen in eine Roadmap zu überführen. Der Kunde beschrieb rückblickend, dass der Workshop die Grundlage für eine strukturierte und wirtschaftlich sinnvolle KI-Strategie geschaffen hat.
Was du durch dieses Vorgehen gewinnst
Ein strukturierter und moderierter Prozess bringt dir vor allem vier Dinge:
- Orientierung: Die Beteiligten entwickeln ein gemeinsames Verständnis davon, wo Künstliche Intelligenz sinnvoll eingesetzt werden kann.
- Fokus: Aus vielen Ideen werden wenige Anwendungsfälle mit erkennbarem Nutzen.
- Entscheidungssicherheit: Datenbasis, Aufwand und Umsetzbarkeit werden früh berücksichtigt.
- Anschlussfähigkeit: Die priorisierten Anwendungsfälle werden als nächste Schritte für Piloten und eine Roadmap vorbereitet.
Eine professionelle Moderation sorgt dafür, dass unterschiedliche Interessen sichtbar werden, Diskussionen fokussiert bleiben und am Ende eine gemeinsam getragene Priorisierung entsteht.
Künstliche Intelligenz braucht nicht nur Technologie, sondern Organisation
Erfolgreiche Einführung von KI-Lösungen ist nicht allein eine technische Aufgabe. Sie betrifft Prozesse, Rollen, Daten, Kompetenzen und die Zusammenarbeit zwischen Fachbereichen.
Künstliche Intelligenz sollte deshalb nicht isoliert als neues Tool eingeführt werden. Entscheidend sind klare Ziele, eine realistische Datenbasis und die Bereitschaft, Arbeitsweisen weiterzuentwickeln. Ebenso wichtig ist ein Vorgehen, das Mitarbeitende einbindet und ihre Erfahrung ernst nimmt.
Das entspricht einem ganzheitlichen Verständnis digitaler Transformation: Geschäftsprozesse, Organisation und Technologie werden gemeinsam betrachtet. Künstliche Intelligenz kann dabei ein wichtiger Baustein sein – aber nur dann, wenn sie an einem konkreten Bedarf ansetzt und in die bestehenden Abläufe integrierbar ist.
Gerade am Anfang lohnt es sich, frühzeitig externe Unterstützung hinzuzuziehen. Hilfreich ist zum Beispiel eine Management- oder IT-Beratung mit Schwerpunkt auf digitaler Transformation und Künstlicher Intelligenz. Sie kann dir helfen, Potenziale zu erkennen, Nutzen und Machbarkeit zu bewerten und daraus konkrete nächste Schritte abzuleiten. Achte bei der Auswahl darauf, dass ein Dienstleister nicht nur Technologie im Blick hat, sondern auch Prozesse, Organisation und die Menschen in deinem Unternehmen.
Häufige Fragen zum Start mit Künstlicher Intelligenz in deinem Unternehmen
Muss mein Unternehmen bereits eine umfassende KI-Strategie haben?
Nein. Eine Strategie kann schrittweise aus konkreten Erfahrungen entstehen. Wichtig ist, einzelne Pilotprojekte nicht isoliert zu betrachten, sondern Ziele, Verantwortlichkeiten, Risiken und mögliche nächste Schritte von Anfang an mitzudenken.
Braucht jeder sinnvolle Anwendungsfall Künstliche Intelligenz?
Nein. Bei manchen Aufgaben reichen eine klassische Automatisierung oder eine bessere Systemintegration aus. Deshalb sollte im Auswahlprozess das konkrete Problem am Anfang stehen – nicht die Technologie.
Fazit: Von der Idee zur umsetzbaren Entscheidung
Ein strategischer Umgang mit Künstlicher Intelligenz beginnt nicht bei der Technologie, sondern beim konkreten Bedarf deines Unternehmens. Relevante Anwendungsfälle entstehen dort, wo fachliche Herausforderungen, erwarteter Nutzen und realistische Umsetzungsmöglichkeiten zusammenkommen.
Wer Fachbereiche einbindet, Problemstellungen sauber beschreibt und Nutzen sowie Machbarkeit gemeinsam betrachtet, schafft eine belastbare Grundlage für die nächsten Schritte. So werden aus allgemeinen KI-Potenzialen konkrete Entscheidungen – ohne vorschnell in ungeeignete Tools oder isolierte Einzelprojekte zu investieren.
Die wichtigste Ausgangsfrage lautet daher nicht: „Welche KI-Lösung können wir einsetzen?“ Sondern: „Welches konkrete Problem wollen wir besser lösen – und woran erkennen wir, dass sich der Einsatz lohnt?“
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