Muster im Hintergrund

Design Thinking in der Digitalisierung: Methode, Prozess und Praxisbeispiel

Geschäftsfrau plant ein Projekt
Was ist Design Thinking, wie läuft der Prozess in fünf Phasen ab und wann lohnt sich der Einsatz für dein Unternehmen? Der erste Teil unserer Reihe Methoden und Tools für digitale Projekte.
Erstellt: 07.09.2026 Lesedauer: 8 min Kategorie: Tools
Inga Haase

Dr. Inga Haase

Dr. Inga Haase ist Geschäftsführerin und Mitgründerin der lenne.Tech GmbH in Lennestadt, einem ganzheitlichen Digitalisierungsunternehmen in Südwestfalen. Als promovierte Expertin in den Bereichen Kommunikation, Innovation und KMU konzipiert, gestaltet und entwickelt sie digitale Projekte, Prozesse und Inhalte. Von individuellen Apps und Webanwendungen bis zu Weiterbildungsformaten rund um Softwareentwicklung und Digitalisierung. In Südwestfalen engagiert sie sich zudem für Start-ups, Wirtschaftsförderung und digitale Bildung in der Region.

Schlagwörter
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Design Thinking in der Digitalisierung: Methode, Prozess und Praxisbeispiel

Eine neue Software soll her, der Auftragsprozess digitalisiert, die Website überarbeitet werden. Klingt nach einem klaren Projekt mit klarem Ziel. Doch was, wenn die Lösung, die du gerade vor Augen hast, gar nicht das eigentliche Problem trifft? Genau hier setzt Design Thinking an: eine Methode, die dich zwingt, erst zu verstehen, bevor du baust.

Dieser Beitrag ist der erste Teil unserer Reihe „Methoden und Tools für digitale Projekte“. In den kommenden Beiträgen stellen wir weitere praxiserprobte Methoden vor, von agilen Vorgehensweisen bis zu konkreten Workshop-Formaten. Den Anfang macht Design Thinking, weil es an den Anfang gehört: Es hilft dir, das richtige Problem zu definieren, bevor du auch nur eine Zeile Code schreibst oder ein Tool auswählst.

Dass die Methode an Relevanz gewinnt, zeigt auch die Marktentwicklung: Der globale Markt für Design-Thinking-Dienstleistungen wurde 2024 auf rund 8,5 Milliarden US-Dollar geschätzt und soll bis 2034 auf über 17 Milliarden US-Dollar wachsen (Global Growth Insights, 2025). Treiber sind vor allem kundenorientierte Innovation und der wachsende Einsatz von Rapid-Prototyping-Methoden.

Was ist Design Thinking?

Design Thinking (DT) ist eine methodische Vorgehensweise, die dir beim Lösen komplexer Probleme und beim Entwickeln neuer Ideen hilft. Design Thinking ist aber keine einzelne isolierte Methode, sondern eine Denkhaltung, eine Arbeitsweise und eine Methodensammlung, die immer von den Bedürfnissen deiner Nutzerinnen und Nutzer ausgeht. Es ist also eine gesamte Vorgehensweise für einen strukturierten Innovationsprozess, kein einzelnes Werkzeug.

Das Ziel: Lösungen finden, die wirklich zu deinen Anwenderinnen und Anwendern passen, wobei ihre Wünsche und die technische Machbarkeit gleichermaßen berücksichtigt werden. Design Thinking findet dabei in der Regel im Team statt und sollte von einer erfahrenen Moderation begleitet werden, damit der Prozess zielführend bleibt. Dein Team sollte unterschiedliche Sichtweisen entsprechend der Problemstellung vertreten. In der Praxis läuft Design Thinking meist wie ein Workshop ab: Alle Beteiligten wirken mit und arbeiten sich gemeinsam durch die fünf Phasen.

Zum Weiterlesen: Bei uns im Unternehmen hat sich das Design Thinking Playbook (Lewrick, Link, Leifer, Vahlen, 2. Auflage 2018) als Standardwerk etabliert: traditionelle, aktuelle und zukünftige Erfolgsfaktoren der Methode, mit konkreten Anleitungen für jede Phase. Das dazugehörige Design Thinking Toolbook (dieselben Autoren, 2020) erklärt 50 der wichtigsten Tools, je auf vier Seiten.

Steckbrief Design Thinking: Art, Geeignet für, Zeitaufwand und Kosten im Überblick
Steckbrief Design Thinking – eigene Abbildung

Der Design-Thinking-Prozess in 5 Phasen

Wichtig zu wissen: Die Phasen laufen nicht streng linear ab, sondern iterativ. Du kannst eine Phase wiederholen oder zu einer früheren Phase zurückspringen. Genau das ist sinnvoll, wenn sich zeigt, dass dein bisheriger Lösungsweg nicht zielführend ist. Diese Schleifen sind kein Rückschritt, sondern Teil des Prozesses, wie auch die erste große Studie des Hasso-Plattner-Instituts zu Design Thinking in der Praxis zeigt: Erfolgreiche Teams nutzen die Rücksprünge gezielt, um ihr Problemverständnis zu schärfen, statt einmal festgelegte Lösungswege stur durchzuziehen.

Phase Ziel Typische Methoden
1. Verstehen & beobachten Bedürfnisse der Zielgruppe wirklich verstehen Interviews, Beobachtung, Sekundäranalysen
2. Sichtweisen definieren Erkenntnisse in eine greifbare Herausforderung überführen Point of View (POV), How-Might-We-Fragen, Personas
3. Ideen entwickeln Möglichst viele, vielfältige Lösungsideen generieren Brainstorming, Crazy 8s, SCAMPER, 6-3-5-Methode
4. Prototypen entwickeln Ideen schnell und günstig greifbar machen Paper-Prototyping, Storyboards, Klick-Dummies
5. Testen Prototypen mit echten Nutzern erproben Usability-Tests, Think-Aloud-Protokoll, Feedback-Raster

Phase 1: Verstehen & beobachten

Ziel dieser Phase: Du willst die Bedürfnisse deiner Zielgruppe wirklich verstehen. Dazu nutzt du Methoden wie Interviews oder Beobachtungen. Dein Team versucht, sich in die Lebenswelt, Bedürfnisse und Erwartungen der Zielgruppe hineinzuversetzen, und sollte dabei über das Offensichtliche hinausgehen. Eine bewährte Technik: Frage bei jeder Problemstellung mindestens fünfmal „Warum?, um zur eigentlichen Ursache vorzudringen. Erkenntnisse aus deiner Feldforschung ergänzt und gleichst du am besten mit Sekundäranalysen ab.

Häufiger Fehler

Das Team befragt Kollegen oder interne „Experten“ statt echter Endnutzer. Ein Produktmanager ist kein Ersatz für den Kunden, der den Prozess wirklich durchläuft.

Phase 2: Sichtweisen definieren

In dieser Phase fasst du die Ergebnisse aus Phase 1 in scharfen Formulierungen der Perspektiven deiner Zielgruppe zusammen. Bewährte Methoden sind etwa Point of View (POV), How-Might-We-Fragen oder Personas. Verdichte deine Ergebnisse auf eine pointierte Fragestellung und überführe sie in eine greifbare Herausforderung, zum Beispiel: „Wie können wir Zielgruppe X dabei helfen, Ziel Y zu erreichen, auch wenn dabei Hindernis Z eintritt? Je spezifischer deine Definition, desto zielgerichteter kannst du im nächsten Schritt Ideen entwickeln.

Phase 3: Ideen entwickeln

Jetzt geht es darum, möglichst viele und vielfältige Lösungsideen zu generieren, um die in Phase 2 formulierte Herausforderung anzugehen. Quantität geht hier klar vor Qualität. Bewährte Methoden: Brainstorming, Crazy 8s, SCAMPER, die 6-3-5-Methode, die Kopfstandmethode oder die Walt-Disney-Methode.

In dieser Phase darf keine Idee kritisiert oder vorzeitig verworfen werden, egal wie verrückt sie klingt. Auch Hierarchien zwischen den Beteiligten dürfen keine Rolle spielen. Entscheidend ist psychologische Sicherheit: Mitarbeitende müssen sich trauen, auch unfertige oder vermeintlich dumme Ideen zu äußern. Wie wichtig das für Innovationsfähigkeit ist, zeigt Amy Edmondsons Forschung zu psychologischer Sicherheit: Teams, die sich sicher genug fühlen, um Fehler einzugestehen und Bedenken offen zu äußern, generieren nachweislich mehr und bessere Ideen.

Zum Weiterlesen: Wie du als Führungskraft psychologische Sicherheit gezielt aufbaust: Amy C. Edmondson, Die angstfreie Organisation (Vahlen, 2020).

Im Anschluss sortierst und bewertest du die gesammelten Ideen nach relevanten Kriterien, etwa Umsetzbarkeit, Innovationsgrad oder Relevanz für das Nutzerproblem.

Phase 4: Prototypen entwickeln

Ziel: Du machst die ausgewählten Ideen schnell und kostengünstig greifbar und erlebbar. Methoden dafür sind zum Beispiel Paper-Prototyping, Storyboards, Rollenspiele, digitale Klick-Dummies oder einfache Modelle aus Alltagsmaterialien. Einfache Modelle reichen vollkommen aus, um deine Hypothesen zu testen. Ein Papiermodell, das du in 30 Minuten baust, kann genauso viel zeigen wie ein aufwendiger Klick-Dummy. Es entstehen dabei oft mehrere Prototypen, von denen du einige wieder verwirfst, und das ist gut so: Frühes Prototyping verhindert kostenintensive Fehlentwicklungen.

Häufiger Fehler

Der Prototyp wird zu komplex und aufwendig. Dadurch sinkt die Bereitschaft im Team, ihn bei Bedarf wieder zu verwerfen.

Phase 5: Testen

In der letzten Phase testest du deine Prototypen mit echten Nutzerinnen und Nutzern. Geeignete Methoden: Usability-Tests, Think-Aloud-Protokoll, Feedback-Raster oder Beobachtung. Jedes einzelne Testing zeigt dir, ob noch eine weitere Iterationsschleife nötig ist. Mit jeder Runde werden deine Prototypen konkreter und realistischer. Die Ergebnisse fließen zurück in den Prozess, im Zweifel auch zurück zu Phase 1, wenn sich dein Problemverständnis verändert hat. Entscheidend ist dabei: Teste mit der echten Zielgruppe, um realistische Ergebnisse zu erhalten.

Wann hilft Design Thinking?

Design Thinking ist geeignet, wenn die Problemstellung noch nicht klar greifbar oder der Lösungsweg noch ungewiss ist, wenn du dich in frühen Phasen eines Innovationsprozesses befindest, wenn neue Produkte, Services oder Geschäftsmodelle entwickelt werden sollen oder wenn du Digitalisierungsprojekte aufsetzt: Design Thinking eignet sich besonders für die frühen Phasen, bevor eine technische Richtung festgelegt wird.

Das ist gerade für den Mittelstand relevant. Viele Digitalisierungsprojekte starten mit einer Lösung im Kopf, bevor das eigentliche Problem überhaupt verstanden wurde. Mehr zur Frage, wie du Digitalisierungsprojekte grundsätzlich aufsetzen solltest, findest du in unserem Beitrag zu den 7 Schritten zur Digitalisierung.

Die Datenlage bestätigt diesen Bedarf: Laut dem German Innovation Spotlight 2026 des Fraunhofer-Verbunds Innovationsforschung und des German Design Council streben mehr als 80 Prozent der befragten deutschen Unternehmen aktiv nach Innovationen, scheitern aber häufig an fehlenden strukturellen Rahmenbedingungen. 94 Prozent haben zwar bereits Digitalisierungsprozesse zumindest teilweise umgesetzt, doch es fehlt oft an einer strukturierten Methode, um diese Prozesse vom richtigen Ende her zu denken. Die Studie zur Praxis der Designforschung in Deutschland 2024 zeigt: Nutzerzentrierte Methoden wie Design Thinking werden in deutschen Unternehmen häufig noch zu spät in Entwicklungsprozesse integriert. Genau diese Lücke kannst du dir als Wettbewerbsvorteil zunutze machen, wenn du früh strukturiert vorgehst.

Beispiel: So kann Design Thinking aussehen

Ausgangssituation: Ein Metallbaubetrieb mit 45 Mitarbeitenden möchte sein Auftragsmanagement digitalisieren. Die Geschäftsführerin geht davon aus, dass das Problem klar ist: Die Papier-Auftragszettel müssen weg, her mit einer Software. Ein Anbieter ist schon im Gespräch.

Phase 1 & 2: Bevor die Software beauftragt wird, entscheidet sich das Unternehmen, einen halben Tag Design Thinking auszuprobieren. Zwei Teammitglieder führen kurze Interviews mit Monteuren, der Disposition und zwei Stammkunden. Dabei stellt sich heraus: Das eigentliche Problem ist nicht der Auftragszettel, sondern die Terminabstimmung. Monteure erfahren Änderungen oft zu spät, Kunden rufen dreimal an, um einen Liefertermin zu bestätigen. Die Problemdefinition verschiebt sich: „Wie können wir sicherstellen, dass Monteure und Kunden jederzeit denselben aktuellen Terminstand kennen?

Phase 3 & 4: Im anschließenden Workshop generiert das gemischte Team aus Monteur, Disponentin und Geschäftsführerin in 15 Minuten über 20 Ideen. Die vielversprechendste: eine automatische Benachrichtigung bei Terminänderungen. Als Prototyp reicht zunächst eine einfache WhatsApp-Gruppe und ein manuell verschicktes Testnachrichtenformat, gebaut in 30 Minuten.

Phase 5: Drei Wochen testen fünf Monteure und vier Kunden den Prototyp im Alltag. Feedback: Die Kunden schätzen die Transparenz, die Monteure wünschen sich zusätzlich eine Übersicht aller Tagesaufträge auf einen Blick. Erst jetzt wird eine passende Softwarelösung ausgewählt.

Ergebnis

Die Einführung geht deutlich schneller als geplant, weil das Team genau weiß, was es wirklich braucht. Die ursprünglich favorisierte Software wäre an den tatsächlichen Bedürfnissen vorbeigegangen.

Häufig gestellte Fragen zu Design Thinking

Was unterscheidet Design Thinking von klassischem Projektmanagement?

Klassisches Projektmanagement geht meist von einer bereits definierten Lösung aus und plant deren Umsetzung. Design Thinking setzt einen Schritt davor an: Es hinterfragt zunächst, ob die angenommene Lösung überhaupt das richtige Problem trifft. Beide Ansätze schließen sich nicht aus, im Gegenteil: Nach der Design-Thinking-Phase greifen klassische Projektmanagement-Methoden, um die gefundene Lösung sauber umzusetzen.

Brauche ich für Design Thinking spezielle Räume oder teure Tools?

Nein. Ein Flipchart, Haftnotizen und ein Raum, in dem dein Team frei sprechen und sich bewegen kann, reichen für den Einstieg völlig aus. Wichtiger als die Ausstattung ist die richtige Haltung im Team: Offenheit, Neugier und die Bereitschaft, eigene Annahmen infrage zu stellen.

Wie lange dauert ein Design-Thinking-Prozess?

Das hängt stark vom Projekt ab. Ein erster Workshop zum Kennenlernen der Methode ist oft schon in wenigen Stunden möglich. Ein vollständiger Durchlauf aller fünf Phasen dauert je nach Komplexität wenige Wochen bis mehrere Monate, meist in mehreren Iterationsschleifen.

Eignet sich Design Thinking auch für kleine Teams im Mittelstand?

Ja, sogar besonders gut. Du brauchst kein großes Innovationsteam. Schon zwei bis vier Personen mit unterschiedlichen Perspektiven auf das Problem reichen für einen ersten Workshop aus. Gerade die kurzen Entscheidungswege in kleineren Unternehmen helfen dabei, Erkenntnisse aus dem Prozess schnell umzusetzen.

Was mache ich, wenn der erste Prototyp beim Testen durchfällt?

Genau dafür ist die Methode gemacht. Ein durchfallender Prototyp ist kein Fehlschlag, sondern eine Erkenntnis, die dich vor einer teuren Fehlentwicklung bewahrt. Kehre zur passenden Phase zurück, in der Regel Phase 2 oder 3, und nutze das Feedback, um deine Annahmen zu schärfen.

3 Tipps für den Einstieg

Zusammengefasst ist es eine wertvolle Herangehensweise, gerade zu Beginn eines Projektvorhabens, um die bestmögliche Lösung für dein Unternehmen zu finden:

Früh starten, nicht warten: Setze Design Thinking am Beginn eines Digitalisierungsprojekts ein, noch bevor eine technische Richtung festgelegt wurde.

Prototypen billig halten: Einfache Modelle testen Hypothesen genauso gut wie aufwendige Klick-Dummies, kosten aber einen Bruchteil der Zeit und des Geldes. Wer zu früh zu viel investiert, verliert die Bereitschaft, einen Weg wieder zu verlassen.

Echte Nutzer einbinden, nicht Kollegen: Internes Feedback bestätigt vor allem deine eigenen Annahmen, externes Feedback hinterfragt sie. Plane mindestens drei bis fünf Interviews mit Menschen aus deiner echten Zielgruppe ein.

Du überlegst, Design Thinking für dein nächstes Digitalisierungsprojekt einzusetzen, weißt aber nicht, wo du anfangen sollst? Wir von lenne.Tech moderieren deinen ersten Workshop und begleiten dich durch den gesamten Prozess. Sprich uns an.