Muster im Hintergrund

Industrie 5.0 für KMU: So denkst du schon heute den nächsten Schritt mit

Zwei Ingenieurinnen in Warnschutzkleidung begutachten einen Roboterarm in einer modernen Fabrikhalle
Industrie 5.0 ist kein Update für später, sondern eine Haltung, die du jetzt schon mitdenken kannst. Was dahintersteckt, warum es für KMU relevant ist und wie du konkret anfängst, erfährst du hier.
Erstellt: 05.10.2026 Lesedauer: 6 min Kategorie: Basics
Inga Haase

Dr. Inga Haase

Dr. Inga Haase ist Geschäftsführerin und Mitgründerin der lenne.Tech GmbH in Lennestadt, einem ganzheitlichen Digitalisierungsunternehmen in Südwestfalen. Als promovierte Expertin in den Bereichen Kommunikation, Innovation und KMU konzipiert, gestaltet und entwickelt sie digitale Projekte, Prozesse und Inhalte. Von individuellen Apps und Webanwendungen bis zu Weiterbildungsformaten rund um Softwareentwicklung und Digitalisierung. In Südwestfalen engagiert sie sich zudem für Start-ups, Wirtschaftsförderung und digitale Bildung in der Region.

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Industrie 5.0 für KMU: So denkst du schon heute den nächsten Schritt mit

Viele Unternehmen haben Industrie 4.0 noch gar nicht abgeschlossen, und trotzdem wird schon über den nächsten Schritt gesprochen. Das klingt frustrierend, ist aber kein Widerspruch: Industrie 5.0 ist kein Update, das du installierst, wenn 4.0 fertig ist. Es ist eine Denkweise, die du jetzt schon aufgreifen kannst, egal, wo du in deiner Digitalisierung gerade stehst.

Schauen wir uns also gemeinsam an, was Industrie 5.0 bedeutet, wie sie sich von 4.0 unterscheidet, welche drei Säulen dahinterstecken und wie du als KMU die ersten Schritte machst.

Was ist Industrie 5.0? Die wichtigsten Grundlagen

Industrie 5.0 ist kein Buzzword aus einer Unternehmensberatung, sondern ein Konzept, das die EU-Kommission 2021 in einem offiziellen Whitepaper verankert hat. Die Kernaussage ist: Forschung und Innovation sollen nicht nur Wachstum und Effizienz dienen, sondern dem Menschen und dem Planeten.

Während es bei Industrie 4.0 vor allem darum geht, Maschinen zu vernetzen und Prozesse zu automatisieren, dreht Industrie 5.0 den Blick um: Technologie ist nicht mehr der Treiber, sie wird zum Werkzeug für den Menschen, für Nachhaltigkeit und für widerstandsfähigere Unternehmen. Bei Industrie 4.0 steht die Frage im Vordergrund, was Maschinen leisten können. Bei Industrie 5.0 geht es darum, wofür wir sie einsetzen und wer dabei im Mittelpunkt steht.

Zeitstrahl der industriellen Revolutionen von Industrie 1.0 bis Industrie 5.0
Zeitstrahl der industriellen Revolutionen – eigene Darstellung

Wichtig

Industrie 5.0 ersetzt Industrie 4.0 nicht. Du brauchst das digitale Fundament von 4.0, um darauf aufzubauen. Wer heute digitalisiert und dabei schon 5.0-Prinzipien mitdenkt, ist doppelt gut aufgestellt. Mehr zum Einstieg in Industrie 4.0 findest du im Beitrag Industrie 4.0 für KMU.

3 Gründe, warum Industrie 5.0 schon jetzt relevant ist

Viele KMU in Deutschland wissen, dass sie digitalisieren müssen, und hängen trotzdem hinterher. Sie scheitern dabei nicht an der Technologie, sondern daran, dass Mitarbeitende nicht mitgenommen wurden oder Effizienzgewinne die eigentlichen Probleme nicht lösen. Auch regional ist der Befund ernüchternd: Die IHK Siegen hält im Trendmonitor Südwestfalen 4.0 fest, dass zwar 92 Prozent der befragten Unternehmen der Digitalisierung eine sehr hohe Bedeutung beimessen, die Umsetzung aber hinterherhinkt. Das zeigt deutlich, dass es sich lohnt, Industrie 5.0 bei zukünftigen Umsetzungsschritten direkt mitzudenken, denn:

  1. Digitalisierung wird selbst zum Wettbewerbsfaktor. Das IfM Bonn Zukunftspanel Mittelstand 2025 zeigt: Für Unternehmen mit 50 bis 249 Beschäftigten zählt „Digitalisierung/KI" bereits zu den drei größten Herausforderungen der nächsten Jahre, gleichauf mit Fachkräftemangel und Wettbewerbsdruck. Wer hier nicht mithält, verliert also nicht nur technologisch, sondern direkt im Wettbewerb den Anschluss.
  2. KI-Nutzung holt auf, aber ungleich verteilt. Laut Destatis (2024) setzt inzwischen jedes fünfte Unternehmen, also 20 Prozent der Unternehmen in Deutschland, KI-Technologien ein. Ein Sprung von 8 Prozentpunkten gegenüber 2023. Bei Großunternehmen sind es 48 Prozent, bei kleinen Betrieben erst 17 Prozent. Hier gibt es für KMU noch erhebliches Aufholpotenzial.
  3. Der Markt wächst rasant. Der globale Markt für Industrie-5.0-Technologien wurde 2025 auf rund 83 Milliarden US-Dollar geschätzt, mit einer prognostizierten jährlichen Wachstumsrate von über 30 Prozent bis 2035 (Research Nester, 2025). Wer heute digitalisiert und Industrie 5.0 mitdenkt, legt das Fundament für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit.

Die 3 Säulen der Industrie 5.0

Industrie 5.0 basiert auf drei Grundprinzipien, die sich gegenseitig verstärken und grundlegend verändern, wie wir über Produktion und Arbeit denken.

Die 3 Säulen der Industrie 5.0: Menschzentriertheit, Nachhaltigkeit und Resilienz
Die 3 Säulen der Industrie 5.0 – eigene Abbildung

Menschzentriertheit: Technologie im Dienst des Menschen

Die Wissenschaft beschreibt dies als „Human-in-the-Loop"-Prinzip: KI-Systeme übernehmen Analysen und Vorschläge, die finale Entscheidung bleibt beim Menschen, insbesondere bei sicherheitskritischen Prozessen. Ein anschauliches Beispiel dafür sind Cobots: kollaborative Roboter, die direkt neben Menschen arbeiten und individuell von den Mitarbeitenden programmiert werden können. Laut Statista setzen derzeit rund 16 Prozent der deutschen Industrieunternehmen Industrie- oder Serviceroboter ein, bei kleinen Betrieben liegt die Quote deutlich darunter. Auch hier zeigt sich, dass es noch viel ungenutztes Potenzial gibt.

Tipp

Förderungen gibt es nicht nur für Software, sondern auch für Maschinen und Roboter. Ein Gespräch mit einer Fördermittelberatung kann sich lohnen.

Nachhaltigkeit: Produktion, die auf die Zukunft einzahlt

IoT-gestützte Energiemanagementsysteme erfassen den Verbrauch in Echtzeit und ermöglichen automatische Optimierung. Bis zu 30 Prozent Energieeinsparung sind je nach Branche möglich. Für dich als KMU kommt noch etwas Wichtiges hinzu: Die EU-Nachhaltigkeitsberichtspflicht (CSRD) trifft ab 2026/2027 immer mehr mittelständische Unternehmen. Wer jetzt anfängt, entsprechende Daten zu erfassen, ist besser vorbereitet und spart sich später teure Nacharbeit.

Resilienz: Krisenfit statt starr automatisiert

Die durchschnittliche Transportdauer für Standard-Container verdoppelte sich während Covid-19 von rund 60 Tagen (Januar 2020) auf etwa 116 Tage (Februar 2022). Starre Automatisierung hilft bei solchen Schocks wenig, Flexibilität schon: Digitale Zwillinge sagen Ausfälle voraus, bevor sie passieren, und modulare Produktionsarchitekturen lassen sich schnell umkonfigurieren.

Wie du heute schon die Basis für morgen schaffst

Niemand muss morgen mit einem Industrie-5.0-Projekt starten. Es geht darum, bei bestehenden Digitalisierungsvorhaben die richtigen Fragen zu stellen. Die folgenden 3 Schritte helfen dir dabei:

Schritt 1: Frage bei jeder Digitalisierungsentscheidung nach dem Menschen. Wie werden deine Mitarbeitenden diese Technologie erleben? Sind sie von Anfang an eingebunden?

Schritt 2: Führe Energiemonitoring ein. Günstig umsetzbar, sofort messbar und Pflichtgrundlage für Nachhaltigkeitsberichte und somit ein idealer Einstieg.

Schritt 3: Baue Datenkompetenz im Team auf. Mitarbeitende zu schulen, Daten zu lesen und zu nutzen, ist die Basis für alles andere. Laut DIHK-Digitalisierungsumfrage 2025 sind Zeitmangel und Komplexität die Haupthindernisse, Kompetenzaufbau im Team ist der beste Hebel dagegen.

Aus der Region

Die IHK Hagen (SIHK) und die IHK Siegen bieten zudem verschiedene Unterstützungsformate wie die „Digitale Woche Südwestfalen" und den Industrie-4.0-Kongress der SIHK. Hier bringen sie Unternehmen mit Technologiepartnern und Hochschulen zusammen, ideal für den ersten Schritt ohne großes Budget.

Weitere Tipps für die Digitalisierung deines Unternehmens findest du in unserem Artikel „7 Schritte zur Digitalisierung".

Industrie 4.0 und 5.0 im Mittelstand: So machen es andere

Die Transformation industrieller Prozesse hier in der Region, kannst du dir in Kreuztal anschauen. Dort betreibt die Universität Siegen mit über 80 Partnerunternehmen auf dem Campus Buschhütten ein gemeinsames Reallabor: Bei der Smarten Demonstrationsfabrik Siegen (SDFS) steht das "Zusammenspiel von Mensch, Maschine und Material" im Mittelpunkt. Mit der Green Factory entsteht dort aktuell zudem ein Leuchtturmprojekt, das historische Industriearchitektur mit kreislauffähiger Fertigung verbindet.

Häufig gestellte Fragen zu Industrie 5.0

Was passiert mit unseren Mitarbeitenden, verlieren sie ihre Jobs?

Industrie 5.0 dreht den Gedanken um: nicht „Wie ersetzen wir Menschen durch Maschinen?", sondern „Wie können Maschinen Menschen befähigen, besser zu arbeiten?" Das IfM Bonn stellt fest, dass Unternehmen, die KI einsetzen, davon profitieren, aber nur dann, wenn das menschliche Erfahrungswissen als Grundlage erhalten bleibt. Cobots und KI übernehmen belastende, repetitive Aufgaben, Mitarbeitende werden für anspruchsvollere Tätigkeiten frei.

Was ist der Unterschied zwischen Industrie 4.0 und 5.0?

Industrie 4.0 fokussiert auf Vernetzung, Automatisierung und Effizienz, Technologie als Treiber. Industrie 5.0 fokussiert auf Mensch, Nachhaltigkeit und Resilienz, Technologie als Werkzeug für höhere Ziele. Wichtig: Industrie 5.0 baut auf der Infrastruktur von 4.0 auf. Wer heute Industrie 4.0 einführt und dabei 5.0-Prinzipien mitdenkt, ist doppelt gut aufgestellt.

Müssen wir alles neu kaufen, um Industrie 5.0 umzusetzen?

Nein. Industrie 5.0 ist zunächst eine Haltung und ein Rahmen, keine Produktliste. Viele Maßnahmen sind niedrigschwellig: Mitarbeitende schulen, Daten besser nutzen, Energieverbrauch erfassen. Bei Neuanschaffungen lohnt der Blick auf offene Schnittstellen, Sensorik und Nachhaltigkeit.

Tipp

Kein „Alles auf einmal". Geh fokussiert vor, fang klein an und skaliere, sobald sich eine Lösung bewährt hat.

Ist Industrie 5.0 auch für kleine Unternehmen relevant?

Ja, gerade KMU profitieren, weil sie schneller und flexibler umstellen können als Großkonzerne. Energie- und Ressourceneffizienz sparen echtes Geld, in Zeiten hoher Energiepreise ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Fazit

Ob Industrie 5.0 für dich relevant ist, hängt nicht davon ab, ob du mit deiner 4.0-Infrastruktur "fertig" bist, sondern davon, ob du Menschzentrierung, Nachhaltigkeit und Resilienz direkt mitdenken möchtest. Dein Unternehmen strategisch auf zukünftige Entwicklungen vorzubereiten, Technologien zu nutzen, die Zeit, Energie und Geld sparen, und dabei auch noch deine Mitarbeitenden im Blick zu haben, klingt ambitioniert, ist mit der richtigen Unterstützung und guter Planung aber keine Fiktion. 

Die passenden Unternehmen und Ansprechpersonen findest du hier bei uns.

Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) (Hrsg.). (2025). Digitalisierungsumfrage 2025: Zwischen Effizienz und Bürokratie. Berlin.

EU-Kommission (Hrsg.). (2021). Industry 5.0: Towards a Sustainable, Human-Centric and Resilient European Industry. Brüssel.

Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik IWU (Hrsg.). (2024). Wie Industrie 5.0 attraktive Arbeitsplätze und einen Mehrwert für mittelständische Unternehmen schafft. Chemnitz.

IfM Bonn, Institut für Mittelstandsforschung Bonn. (2024). Wer Künstliche Intelligenz nutzt, profitiert auch davon. Bonn.

IfM Bonn, Institut für Mittelstandsforschung Bonn. (2025). Zukunftspanel Mittelstand 2025. Bonn.

IHK Hagen (SIHK). (2024). Industrie 4.0 Kongress. Hagen.

IHK Siegen. (o. J.). Industrie 4.0: Trendmonitor Südwestfalen 4.0. Siegen.

Regionale 2025 Agentur (Hrsg.). (o. J.). Green Factory.

Research Nester (Hrsg.). (2025). Industry 5.0 Market Report.

Ristau, M. (2023). Industrie 5.0: Der Mensch in der Fabrik der Zukunft. HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik, 60, 1115–1123. Springer.

SDFS Smarte Demonstrationsfabrik Siegen GmbH (Hrsg.). (o. J.). Forschung. Kreuztal.

Schütte, R. (Hrsg.). (2023). Industrie 5.0: Die ganzheitliche Idee einer menschlicheren, nachhaltigeren und widerstandsfähigeren Industrie oder ein Sammelbecken für dies und das? HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik, 60. Springer.

Statista (Hrsg.). (2024). Industrielle Automation in Deutschland.

Statista (Hrsg.). (2025). Marktprognose Robotik Deutschland.

Statistisches Bundesamt (Destatis). (2023). KMU-Statistik 2023: 53 % in kleinen und mittleren Unternehmen tätig. Wiesbaden.

Statistisches Bundesamt (Destatis). (2024). Jedes fünfte Unternehmen nutzt künstliche Intelligenz. Pressemitteilung, November 2024. Wiesbaden.

Vogel-Heuser, B., Bengler, K. (2023). Von Industrie 4.0 zu Industrie 5.0: Idee, Konzept und Wahrnehmung. HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik, 60, 1124–1142. Springer.